Pascal JordinProduct Builder / Manager · AachenOffen für Gespräche
Essays/06.06.2026
Essay · 10 Min Lesezeit · 06.06.2026

Ein SaaS in sechs Wochen: Die Agenten haben gebaut, ich habe entschieden.

Pascal Jordin·Product · AI · SaaS · Agenten · Build-in-Public · HITL·1.586 Wörter

Nicht die Agenten haben saasrebels.de gebaut. Ich habe gebaut — die Agenten haben die Zeit zwischen Entscheidung und Artefakt halbiert. Das klingt nach einem Detail. Es ist der ganze Unterschied.

Vor einem Jahr hätte ich für ein Produkt wie saasrebels.de ein kleines Team gebraucht: zwei, drei Entwickler, ein paar Monate, ein Budget. Stattdessen steht im Git-Log ein einziger Name und rund 1.680 Commits in gut sieben Wochen. Spitze: 310 Commits in einer Woche, 124 an einem einzigen Tag. Das schafft kein Mensch von Hand. Es schafft auch keine "KI, die Software schreibt". Es schafft ein Mensch, der aufgehört hat, selbst zu tippen, und angefangen hat, einen Apparat aus Agenten zu steuern.

Dieser Essay ist die ehrliche Version davon. Was der Stack geliefert hat, was er nicht konnte, und an welchen Stellen ich die Hand am Steuer behalten habe — weil genau dort die Arbeit liegt, die man nicht delegieren darf.

Den vorderen Teil dieser Maschine habe ich schon beschrieben: wie ich aus einer Wettbewerber-URL ein PRD baue. Das ist die Recherche-Stufe. Hier geht es um die andere Hälfte — von der Spec bis zur laufenden, bezahlten Software.

Was saasrebels.de ist — und was es kostet.

saasrebels.de ist eine Werkzeug-Plattform für deutschsprachige Selbstständige und Kleinunternehmer. Sechs Tools in einem Login: Zeiterfassung, Rechnungsstellung, ein kleines CRM, Aufgaben, Notizen, Budget. Die Rechnung kann ZUGFeRD und XRechnung, exportiert nach DATEV im SKR03 und hält die GoBD-Unveränderbarkeit ein — der Teil, an dem die meisten Hobby-Tools scheitern. Dazu ein paar kostenlose Rechner auf der Landingpage, ohne Login: Kleinunternehmer-Check, Tagessatz, Projektpreis.

Das Preismodell ist bewusst klein: Free, Rebel für 4,99 € im Monat, Rebel Pro für 9,99 €. Ein Einzelplatz-Produkt, keine Aufschläge pro Sitz, keine Enterprise-Stufe. Break-even liegt bei einem knappen Dutzend zahlender Nutzer — die Infrastruktur kostet mich rund 50 € im Monat. Das ist kein Pitch für Investoren. Es ist ein Nebenprojekt, das sich selbst tragen soll.

Die Zeitleiste, ohne Rundung.

  • 27. März: erster Commit, ein leeres Nuxt-4-Projekt.
  • Noch am selben und am nächsten Tag: Stripe-Billing, Supabase-Migrationen, Auth0, die ersten Tools, 77 Unit-Tests, ein Playwright-Lauf im echten Browser.
  • 29. April, 08:00: Go-Live. Eine Datenbank-Migration kippt zwei Feature-Flags — Self-Service-Anmeldung und das neue Preismodell. Ab hier kann jeder sich registrieren und bezahlen.
  • In den Wochen danach: die ersten zahlenden Nutzer.

Vom ersten Commit bis zur Bezahlversion vergingen knapp fünf Wochen. Bis zu den ersten zahlenden Nutzern rund sechs. Ich nenne die Naht bewusst, weil "sechs Wochen bis zu zahlenden Kunden" sonst nach Marketing klingt. Während der gesamten Bauphase war der Umsatz null — am 16. April, dreizehn Tage vor dem Launch, standen im Business-Case schwarz auf weiß: 0 zahlende Kunden, 0 € MRR, sechs Leute auf der Warteliste. Das ist die wahre Ausgangslage. Sie ist nicht schön. Aber sie ist zählbar — und alles Zählbare lässt sich bewegen.

Was der Agent-Stack tatsächlich ist.

"Agent-Pipeline" klingt nach einem Knopf, den man drückt. Es ist eher eine Werkstatt mit Regeln. Vier Teile:

  1. Parallele Worktrees. Jeder Agent arbeitet in einer eigenen, isolierten Kopie des Repositories auf einem eigenen Branch. Zu Spitzenzeiten liefen 21 davon gleichzeitig. Vier Agenten an vier unabhängigen Aufgaben brauchen nicht die vierfache Zeit, sondern ungefähr die des längsten Einzellaufs.
  2. Plan zuerst, dann Ausführung. Kein Agent fängt an zu bauen, ohne dass ein Plan steht — eine Datei mit Aufgabenliste, betroffenen Dateien und Architektur-Vorbedingungen. Im Repo liegen 185 solcher Pläne. Der Plan benennt auch, welches Modell welche Aufgabe übernimmt: Suchen mit dem kleinen, Code mit dem mittleren, Architektur mit dem großen. Das ist nicht Geiz, das ist Routing.
  3. Adversariale Review als Pflicht-Gate. Bevor irgendetwas gepusht wird, läuft ein zweites Modell — Codex — gegen den Diff und sucht Fehler. Findet es etwas Kritisches, blockiert es den Push. Im Git-Log steht das offen: "codex review round 16", "round 17", "round 18", "round 19" — vier Runden hintereinander an derselben Datei, bis sauber. Kein Mensch reviewt dieselbe Landingpage neunzehnmal. Eine Schleife schon.
  4. Harte Gates vor jedem Commit. Typecheck, alle Unit-Tests, bei Bedarf ein Docker-Install-Smoke-Test — lokal, vor dem Push. Dann in der CI: Tests, Build, Deploy auf Staging, End-to-End-Tests im echten Browser, erst dann Produktion, danach ein Abgleich, ob die ausgelieferte Version auch die erwartete ist. Bricht der E2E-Lauf auf Staging, geht nichts nach Produktion.

Das Ergebnis sind 277 Unit-Test-Dateien, 24 E2E-Specs und eine dokumentierte Architektur für ein Produkt mit Stripe-Abos, SEPA-Lastschrift, Auth0-Login und DSGVO-Pflichtseiten. Das ist kein Vibe-Coding. Vibe-Coding hat keine 300 Tests.

Das Missverständnis beim "Human in the Loop".

Wenn Leute "Human in the Loop" hören, denken sie an einen Genehmigungs-Klick. Hin und wieder ein Daumen hoch. So ist es nicht. Der Mensch sitzt nicht am Ende der Pipeline und winkt durch. Er sitzt an einer Handvoll Stellen mittendrin, und an diesen Stellen entscheidet er allein.

Wo ich die Hand am Steuer behalten habe:

  • Architektur. Stack, Datenmodell, der Schnitt des MVP. Diese Entscheidungen liegen in nummerierten Architecture Decision Records. Agenten lesen sie, Agenten ändern sie nicht. Welcher Auth-Anbieter, welche Datenbank, was im ersten Release drin ist und was nicht — meine Entscheidung, festgeschrieben, bevor ein Agent loslegt.
  • Die Stimme. Eine Konfigurationsdatei verbietet bestimmte Wörter — "revolutionär", "nahtlos", auch "KI" als Marketing-Floskel. Agenten müssen sich daran halten. Aber welche Wörter auf die Liste kommen, ist meine Entscheidung über das, wofür die Marke steht.
  • Recht. Impressum, Datenschutz, AGB, Widerruf. Entwürfe entstehen mit Agenten, freigegeben wird von mir — und vor dem ernsten Teil von einem Fachanwalt. DSGVO ist keine Stelle, an der man ein Modell raten lässt.
  • Der 60-Sekunden-Klick. Das ist mein liebstes Gate, weil es so unspektakulär ist. Nach jedem Merge auf main öffne ich von Hand die Live-Seite, logge mich ein, klicke eine geschützte Seite an, logge mich aus. Sechzig Sekunden. Das fängt, was kein automatischer Test fängt — den Moment, in dem alles grün ist und die Seite trotzdem kaputt aussieht.
  • Der Merge selbst. Die Pipeline öffnet Pull Requests. Sie merged sie nie. Der letzte Knopf gehört mir.

Das ist das Muster: Alles um die Entscheidungen herum ist automatisiert. Die Entscheidungen nicht.

Wo ich das Steuer ganz übernommen habe.

Das deutlichste Beispiel ist der Preis. saasrebels.de startete in der Planung mit einem zahmen Zwei-Stufen-Modell: kostenlos oder 2,99 €. Knapp zwei Wochen vor dem Launch habe ich das Ganze angehalten und umgebaut — drei Stufen, ein klar geschnittenes Pro-Tier, ein Early-Adopter-Gutschein mit 20 % auf Lebenszeit für die erste Launch-Woche. Das war kein Bug, den ein Agent finden konnte. Es war die Frage, welche Features hinter welche Bezahlschranke gehören und was Menschen dafür wirklich zahlen — und die Antwort darauf steht in keinem PRD, sie steht in zwölf Jahren Gefühl für diesen Markt.

Die Agenten haben danach die Plan-Gates gebaut, die SEPA-Lastschrift verdrahtet, den Gutschein-Mechanismus getestet. Aber die Linie, wo Free aufhört und Rebel anfängt, habe ich von Hand gezogen. Das ist der Unterschied zwischen einem Werkzeug, das schnell baut, und einem Produkt, das konvertiert.

Warum das die Arbeit verschiebt, nicht abschafft.

Der Reflex ist: "Die KI hat die Arbeit gemacht." Falsch. Die Agenten haben die Zeit zwischen einer Entscheidung und ihrem Ergebnis zusammengeschrumpft. Früher lagen zwischen "wir bauen Skonto in die Rechnung" und der funktionierenden Skonto-Logik zwei Tage. Jetzt liegen zwanzig Minuten dazwischen.

Das hört sich nur nach Tempo an. In Wirklichkeit verschiebt es den Engpass. Wenn Ausführung fast nichts mehr kostet, ist die Entscheidung der Flaschenhals. Eine schlechte Entscheidung produziert jetzt einfach schneller schlechtes Produkt. Das ist die unbequeme Seite: Der Stack macht mich nicht klüger. Er macht mich schneller — in beide Richtungen.

Deshalb sind die Gates oben keine Bürokratie. Sie sind die Stellen, an denen ich die Geschwindigkeit absichtlich drossle, weil dort der Fehler teuer wird.

Wann das nicht funktioniert.

Damit das kein Pitch wird, die Bruchstellen:

  • Es ist ein Nebenprojekt. Gebaut neben einem Vollzeit-Job, in Abenden und an Wochenenden. Die rund 1.680 Commits sind die Ausgabe von mir plus Agenten unter meinem Namen, nicht die eines Teams. Wer das als "ein Mensch baut allein ein Team-Produkt" liest, liest es falsch — der Hebel sind die Agenten.
  • Traktion ist früh und klein. Sechs Leute auf der Warteliste zum Launch. Erste zahlende Nutzer, ja. Eine Erfolgsgeschichte mit Umsatzkurve, nein. Wer die erwartet, ist hier falsch.
  • Der Stack braucht einen Fahrer, der Code lesen kann. Ich kann jeden Agent-Diff lesen und sagen, ob er Unsinn baut. Ohne das wären die Gates nur Theater. Das ist keine No-Code-Geschichte. Es ist eine Geschichte für jemanden mit Engineering-Tiefe, der Produktentscheidungen trifft.
  • Nach dem Launch wird es ruhiger, nicht lauter. Der letzte Commit auf main ist vom 19. Mai. Danach habe ich den Fokus auf das nächste System verschoben. Ein laufendes Produkt zu betreiben ist etwas anderes, als eines zu bauen — und ehrlich gesagt der weniger spannende Teil.

Was bleibt.

Drei Wochen Recherche kommen nicht zurück. Zwei, drei Entwickler für einen ersten lauffähigen SaaS auch nicht. Was bleibt, sind die Entscheidungen: Was bauen wir, was kostet es, was steht im Impressum, wann gehen wir live. Genau die Stellen, an denen ein Mensch hingehört — und an denen ich sechzig Sekunden lang selbst klicke, bevor ich glaube, dass es funktioniert.

Die Agenten haben gebaut. Entschieden habe ich. Das Merkwürdige daran: Diese Reihenfolge ist dieselbe wie früher — nur dass zwischen Entscheidung und Ergebnis jetzt zwanzig Minuten liegen statt zwei Tagen. Die Arbeit bleibt. Die Zeit dazwischen ist weg.

Wenn du denselben Loop in deinem Team aufsetzen willst — Agenten, die bauen, mit Gates an den Stellen, die zählen — schreib mir. Das erste Gespräch kostet nichts.

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